Wie kommt man dazu, täglich mit einem Velomobil rund 45km zur Arbeit zu pendeln?

Nun, dazu muss ich ein wenig ausholen: in den 90er Jahren bin ich mit Liegerädern in Kontakt gekommen. Direkt nach meinem Austauschjahr in den USA hatte mein Vater uns bei einem VHS-Kurs in Bremen angemeldet. Dort wurden Liegeräder für den Eigenbedarf gebaut, also jeder hat sein eigenes Liegerad weitestgehend selbst gebaut. Das fing an mit dem Ablängen der Rohre, Fräsen und Löten der Rahmen, bis hin zum Einspeichen und zentrieren der Laufräder und Endmontage des Liegerades.

Glücklicherweise hatte ich in den USA sowohl das MIG/MAG- sowie Autogenschweißen (Hartlöten) gelernt, als auch erste Erfahrungen an einer CNC-Dreh- und Fräsbank machen können. Hier in Deutschland besuchte ich dann ein technisches Gymnasium mit Fachrichtung Metall – also wieder Schweißen, Löten, Fräsen etc. So konnte ich das theoretische Wissen direkt in der Praxis einsetzen.

Mein erstes selbstgebautes Liegerad (hinter dem Segway)

Nachdem das Liegerad (ein Langlieger, vorne und hinten gefedert + gedämpft) dann fertig war und mich auch erfolgreich (als Zuschauer) zur WM nach Leicester (England) und zurück gebracht hatte (1500km in rund 10 Tagen), ging es dann auch gleich weiter mit dem nächsten Kurs: ein Liegedreirad wurde entwickelt und gebaut!

Natürlich war ich auch hier wieder mit dabei. Dieses mal sogar von Anfang an: bei Planung, Berechnung, ersten grobe Entwürfe und Versuchen usw, Den ersten Prototypen habe ich dann auch direkt rund 45km zur Erprobung von Bremen nach Hambergen (meinem damaligen Wohnort) gefahren. Hier und da haben wir noch ein wenig nachgebessert, aber im Großen und Ganzen war das “Picco” ein gelungener Wurf, von dem dieses mal auch einige Auftragsarbeiten gefertigt wurden.

Mein Picco hat mich erst nach vielen Tausend km, die ich vorwiegend zur Schule/Arbeitsstätte, aber auch auf größeren Touren zurück gelegt habe, mit einem irreparablen Rahmenbruch verlassen. Mein Langlieger wurde mir bei unserem Umzug 2017 geklaut, der fuhr auch nach fast 20 Jahren noch tadellos!

Nun stand ich da, rund 20 Jahre war ich nur liegend gefahren, und jetzt sollte ich mir ein “normales” Fahrrad kaufen? Kam gar nicht in Frage! Es sollte was neues sein, am liebsten wieder ein Liegerad, aber mit drei Rädern. Das hatte ich in all den Jahren sehr zu schätzen gelernt. Einzig Regenfahrten waren mir immer ein Greul gewesen. Von oben naß, von unten naß und den Dreck von den frei drehenden Rädern im Gesicht.

Durch meine vielen Touren und als Mitglied des HPV (human powered vehicles) wußte ich von Velomobilen. Voll verkleidete Liegedreirädern. In Leicester durfte ich damals in einem Prototypen von Mike Burrows, eine vollverkleidete Windcheetah, fahren.

HPV WM Leicester (GB) 1996 Vollverkleidete Windcheetah

Das war mir noch im Gedächtnis geblieben. Sowas sollte es werden! Vollverkleidet durch Wind und Wetter sollte es in Zukunft voran gehen. Ein Auto war indiskutabel. Von meinem Wohnort zur Arbeit waren es damals rund 18km über Radwege und am Deich lang. Mit dem Auto wäre die Strecke nicht nur länger gewesen, sondern auch die Zeit durch Staus, Ampelstops usw.

Die Windcheetah gab es damals nur in England zu kaufen. Eine Reise nach England wäre zwar schön gewesen, mir aber zu aufwändig. Also habe ich mich bei den deutschen und holländischen Herstellern umgeschaut. Zuerst ein Hersteller in NRW, das konnten wir gut mit einem Höflichkeitsbesuch bei den Schwiegereltern verbinden…

Das getestete Velomobil dort sagte mir aber nicht sonderlich zu. Es fuhr sich zwar gut, aber meine Füße waren ein Stück zu groß, stießen immer an der Frontscheibe an und ich durfte nur in einem Industriegebiet testen. Die Chemie zu dem Hersteller stimmte irgendwie nicht, das Velomobil passte nicht 100% – das war nix. Blieb ja aber noch der Termin in Holland und der weitere Termin in der Nähe von Hannover.

An einem strahlenden Sonnentag kamen wir in Siedenburg, der Produktionsstätte der Milane an. Jens Buckbesch hatte uns schon erwartet und nach einer kurzen Einführung ging es auch gleich los, die Straßen rund um Siedenburg unsicher machen.

War das ein Spaß! Der Milan lief, er passte wie angegossen und ich flog durch die Landschaft, ohne das es mich sonderlich viel Anstrengung kostete! Nach einer knappen Stunde wußte ich, den Termin in Holland braucht es nicht mehr. Mit Jens habe ich dann noch ein wenig geschnackt, ein paar Fotos für die Familie gemacht und dann den Rückweg (leider noch ohne Milan) angetreten.

Milan GT MK2 bei Räderwerk in Siedenburg

Bis zur Bestellung meines Milan hat es dann noch ein wenig gedauert, bis zur Lieferung noch länger. Es war eine lange Zeit, die man damals auf einen Milan warten mußte. Alles unter 12 Monate Wartezeit war schon rekordverdächtig! Nun, bis dann mein Milan “geboren” war, hatte in der Zwischenzeit auch mein erstes Kind das Licht der Welt erblickt. Mit Kinderwagen, Frau und Säugling durften wir dann irgendwann nach Siedenburg, mein zweites Baby in Empfang nehmen – allerdings noch als Bausatz, was damals rund 1000€ Preisunterschied war. Als junger Vater muß man halt auf den Cent achten.

Mein erster Milan-Bausatz

Der Aufbau des Milan war relativ simpel, wenn man denn wußte wie es geht. Hier und da mußte ich dann doch noch mal den Telefonhörer in die Hand nehmen, oder eine E-Mail mit Foto schicken, aber schlußendlich hat alles geklappt und ich konnte, dank zwischenzeitlich gewechselter Route, jetzt noch länger den Milan genießen – die Fahrtstrecke war 4km länger geworden.

Anfänglich noch durch die Stadt, habe ich mir sehr schnell eine Strecke “außen rum” gesucht. Wenn der Milan denn fliegt, machen ein paar Kilometer mehr oder weniger (fast) nichts aus. Nervig sind Ampelstops oder Staus. Zumindest letztere kann ich auf dem Radweg umgehen, sonst fühle ich mich auf der Straße am wohlsten.

Mit gefahrenen Geschwindigkeiten von ±55km/h ist das in den meisten Fällen auch besser, wer rechnet mit so einem Geschoss schon auf dem Radweg? Und die Autofahrer tolerieren mich auch, ich halte mit der Geschwindigkeit nicht wirklich den Verkehr auf.

Ein Wohnortwechsel führte dazu, dass ich nun jeden Tag jeweils rund 48km meinen Milan genießen darf.

Positiver Nebeneffekt: gemessen an meinem Gewicht vor dem Milan bin ich nun 10kg leichter, spare mir das Fitness-Studio, das Auto sowieso und habe eine Menge neuer Menschen kennengelernt – entweder auf Ausfahrten, oder aber weil sie mich auf meine “Rakete” ansprachen.

 

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